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Ausbildungsberuf Automatenfachmann/-frau

Quelle: Ausbildungsstatistiken DIHK, BBS Bingen, RBBK Duisburg / Grafik: VendingSpiegel

„Unterstützung durch die Verbände hat nachgelassen“

Die dreijährige Branchenausbildung Automatenfachmann/-frau steckt in der Krise. Die Ausbildungszahlen sind seit Jahren rückläufig, während Betrieben nicht nur die Bewerber, sondern inzwischen immer häufiger auch die Ausbilder fehlen. Indes mangelt es an einem breiten Branchen-Bündnis zur Stärkung des Ausbildungsberufs. Ein Teufelskreis, der den Fachkräftemangel in der Vending-Branche immer mehr zum Problem werden lässt.

Seit August 2015 ist der Ausbildungsberuf „Automatenfachmann/-frau“ in Deutschland anerkannt. In der dreijährigen Ausbildungszeit können die Azubis zwischen den Fachrichtungen Automatenmechatronik und Automatendienstleistung wählen und erhalten so das notwendige Fachwissen für die Arbeit im Automatengeschäft. Die Ausbildung qualifiziert sowohl für die Tätigkeit in der Vending-Branche als auch in der Unterhaltungsautomatenwirtschaft. Zur Einführung vor zehn Jahren galt der Automatenfachmann als Maßnahme gegen den drohenden Fachkräftemangel, der sich damals bereits abzeichnete.

Nach einem kurzzeitigen Anstieg der Ausbildungszahlen zu Beginn befand sich der Beruf bis zuletzt im freien Fall. Deutlich wird diese Entwicklung anhand der Ausbildungsstatistik der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK): Gemessen an den Gesamtzahlen der Ausbildungsverträge waren die Hochphasen der Fachrichtungen Automatendienstleistung und Automatenmechatronik in den Jahren 2017 und 2018 – und damit kurz nach Einführung der neuen Ausbildungsverordnung. In der Spitze ließen sich in dieser Zeit 211 Automatenfachmänner und -frauen im Bereich Dienstleistung und 140 im Bereich Mechatronik ausbilden. Doch schon kurz danach – und bereits vor Ausbruch der Pandemie 2020 – sank die Zahl der Ausbildungsverträge spürbar. Für das Jahr 2024 weist die DIHK lediglich 50 Ausbildungsverträge im Bereich Dienstleistung und 70 im Bereich Mechatronik aus. Das entspricht je Fachrichtung einem Rückgang von 76 und 50 Prozent im Vergleich zu den jeweiligen Spitzenwerten, was als dramatisch bewertet werden muss. Verglichen mit Ausbildungsberufen wie Mechatroniker mit 27.798 Ausbildungsverträgen 2024 oder Industriemechaniker (35.631 Ausbildungsverträge) spielt der Automatenberuf in der Ausbildungslandschaft praktisch keine Rolle. Als kleinen Hoffnungsschimmer weisen die Berufsbildende Schule (BBS) Bingen, das Robert-Bosch-Berufskolleg (RBBK) in Duisburg und das Berufskolleg Lübbecke zuletzt wieder steigende Ausbildungszahlen aus – das jedoch in einem sehr niedrigen Bereich.

Berufswahl eher zufällig

Inzwischen gib es deutschlandweit nur noch vier Berufsschulen, die den Automatenberuf im Blockunterricht anbieten. Drei der Berufsschulen haben eine VendingSpiegel-Anfrage zu dem Thema beantwortet und geben einen Einblick, mit welchen vielschichtigen Herausforderungen und Problemen der Beruf zu kämpfen hat. „Der Ausbildungsberuf ist ein Nischenberuf und immer noch zu unbekannt“, betonen Martina Habig und Isabel Cremer vom Automatenteam der BBS Bingen. Schülerinnen und Schüler würden eher zufällig oder durch eine vorherige Aushilfstätigkeit auf diese Ausbildung stoßen als durch Berufsinformationsmessen und -beratungen. Aber auch gesetzliche Einschränkungen haben einen Einfluss. 90 Prozent der Schüler in Bingen kommen aus der Spielautomatenbranche, die beiden größten Ausbilder vor Ort sind Löwen Entertainment und Löwen Play. „Durch die gesetzlichen Veränderungen in der Spielautomatenbranche sind unsere Schülerzahlen seit 2018 von zirka 70 Schülerinnen und Schülern auf 50 stetig gesunken“, berichten Habig und Cremer.

Diese Entwicklung beobachtet ebenfalls Andreas Faust, Bildungskoordinator FAS am RBBK in Duisburg. „Aus dem Bereich Geldspiel wird uns gespiegelt, dass sich Azubis im Filialsystem von Geldspielunternehmen betriebswirtschaftlich kaum bis gar nicht mehr rechnen“, sagt Faust. Eine Reduzierung der Konzessionsgröße würde schlicht weniger Personal erfordern. Auch Andreas Faust bemängelt die fehlende Bekanntheit des Berufs. Selbst automatennahe Unternehmen wie die Deutsche Bahn oder Verkehrsverbände, die selbst Fahrkartenautomaten unterhalten, würden den Ausbildungsberuf nicht anbieten. Das führe mitunter zu kuriosen Szenen, wie Faust aus dem Schulalltag berichtet: „Ab und an ‚verirren‘ sich Schüler in den Flur mit unseren Klassenräumen und wundern sich, dass man in diesem Bereich eine Ausbildung machen kann.“ Nicht zuletzt sei auch die Corona-­Pandemie ein Grund, der sowohl die Geldspiel- als auch die Vending-Branche Auszubildende gekostet habe. „Teilweise haben Betriebe keine Auszubildenden gefunden beziehungsweise hatten zwischenzeitlich keinen Fokus auf betriebliche Ausbildung“, weiß der Duisburger Bildungskoordinator.

Das Berufskolleg Lübbecke gehört ebenfalls zu den verbliebenen Schulen, die den Automatenberuf anbieten. Studiendirektor und Bereichsleiter Metalltechnik Heiko Weiß sieht den Fachkräftemangel inzwischen selbst als eines der Probleme für die sinkenden Ausbildungszahlen. „Viele Betriebe zögern, Ausbildungsplätze anzubieten, weil die Ausbildung mit relativ hohen Kosten und einem nicht sofort spürbaren Nutzen verbunden ist“, sagt Weiß. Und neben der fehlenden Bekanntheit – sowohl bei Schulabgängern als auch vielen Betrieben – stehe der Automatenfachmann in Konkurrenz zu anderen Ausbildungsberufen, die häufig als attraktiver wahrgenommen würden.

Ausbildungsmessen und Gehalt

Als Reaktion auf diese rückläufige Entwicklung bieten sich aus Sicht der Schulen verschiedene Maßnahmen an. „Es fehlt Präsenz auf regionalen Ausbildungsmessen. Der Beruf muss definitiv bekannter in der Zielgruppe der Schülerinnen und Schüler werden“, hebt Martina Habig hervor. „Auch Ausbildungsbetriebe der Vending-Branche sollten über die Möglichkeit der Ausbildung junger Menschen nachdenken und hier investieren, um in Zukunft Fachkräfte aus den eigenen Reihen zu generieren“, ergänzt sie. Das benötige zwar Zeit und Engagement von Seiten der Betriebe, werde aber mit fachlich sicheren Arbeitskräften belohnt. Das Anwerben und Fördern junger Talente aus dem Ausland könnte aus Sicht von Isabel Cremer eine weitere Maßnahme sein. Nicht zuletzt sieht Cremer die Bezahlung als wichtigen Hebel der Azubi-Gewinnung: „Der Beruf des Automatenfachmannes muss attraktiver werden durch eine angemessene Wertschätzung in Form von einem deutlichen Gehaltssprung im Vergleich zu ungelernten Arbeitskräften auf Mindestlohnbasis.“ Der Tatsache, dass das Berufsbild männlich geprägt ist, könnte durch gezielte Info-Formate wie „Girls Days“ entgegengewirkt werden.

Neben solchen analogen Präsenzmaßnahmen sollten aber auch digitale Kanäle sowie Social Media verstärkt genutzt werden, ergänzt Andreas Faust. Heiko Weiß hält es zudem für notwendig, Auszubildende mit guten Ausbildungsentgelten sowie zusätzlichen attraktiven Anreizen für die Ausbildung zu gewinnen. Dazu könnten ein Tablett für die Schule, die Bezahlung des Führerscheins oder die Nutzung eines Dienstwagens gehören. Nicht zuletzt sei es wichtig, jungen Menschen die Entwicklungsperspektiven in der Branche aufzuzeigen. Darüber hinaus nennt Weiß Förderprogramme als eine Möglichkeit, um Ausbildungsbetriebe stärker zu motivieren, Ausbildungsplätze anzubieten.

Beruf hat keine Lobby

Das sind Maßnahmen, die kein Betrieb und keine Berufsschule allein umsetzen können. Vielmehr wird hierfür ein starkes Branchennetzwerk benötigt – dass es in der Vergangenheit bereits gab, laut Branchenkennern in den letzten Jahren jedoch weitgehend eingeschlafen ist. Kritik und Appell richten die Berufsschulen daher auch an die Branchenverbände. „Die Unterstützung durch die Verbände hat nachgelassen“, stellen beispielsweise Martina Habig und Isabel Cremer von der BBS Bingen fest. Früher hätten regelmäßige Treffen der Berufsschulen und der ausbildenden Betriebe stattgefunden, die durch die Verbände organisiert wurden. „Das Netzwerk hat durch den altersbedingten Weggang einiger wichtiger Förderer nachgelassen“, sagen die Ausbildungs-Expertinnen aus Bingen.

Zwar gebe es grundsätzlich Unterstützung vonseiten der Branchenverbände, sagt Heiko Weiß aus Lübbecke. „Allerdings könnte diese aus unserer Sicht noch zielgerichteter erfolgen – etwa durch stärkere Öffentlichkeitsarbeit und Kampagnen, die den Beruf bekannter machen“, betont er. Einige Unternehmen würden sich bereits stark engagieren, „aber eine breitere Beteiligung wäre wünschenswert“, ergänzt Weiß.

Vonseiten des Dachverbands „Die Deutsche Automatenwirtschaft“ (AWI) heißt es dazu auf Anfrage von VendingSpiegel nur knapp, dass aufgrund der „derzeitigen schwierigen Lage in der Branche“ keine Aussagen zur Entwicklung und Förderung des Ausbildungsberufs getroffen werden könnten. Laut Angaben eines AWI-Sprechers biete der Verband derzeit keine Kampagne zum Thema Ausbildung an, arbeite intern aber an einer Strategie für die Mitarbeitergewinnung in der Branche. Spruchreif sei hier jedoch noch nichts.

Branche muss Bereitschaft zeigen

Engagierter präsentiert sich auf Anfrage der Bundesverband der Deutschen Vending-Automatenwirtschaft (BDV). „Die Ausbildung zum Automatenfachmann/-frau ist eine Investition in die Zukunft unserer Branche – keine Frage. Aber Ausbildung braucht Bereitschaft“, betont BDV-­Geschäftsführer Aris Kaschefi. Der Verband könne Türen öffnen, Kontakte herstellen und Prozesse erleichtern. „Aber die Branche muss diese Chance ergreifen wollen. Wir sind gerne bereit, mit interessierten Unternehmen gemeinsam Lösungen zu entwickeln“, sagt Kaschefi. Der Verband bietet eine Reihe von Maßnahmen an. Hierzu gehören:

  • Internationale Recruiting-­Unterstützung: Der BDV hat vielversprechende Kontakte zu Agenturen geknüpft, die erfolgreich Auszubildende aus dem Ausland vermitteln, etwa aus Vietnam. Bei ausreichendem Interesse der Mitglieder könne dieser Weg gemeinsam beschritten werden.
  • Material und Präsenz auf Ausbildungsmessen: Der Verband stellt Infomaterial bereit und prüft je nach Nachfrage auch eine personelle Unterstützung bei regionalen Azubi-Messen.
  • Vernetzung und Austausch: Über den Ausschuss für Aus- und Weiterbildung können ausbildungswillige Betriebe und bei Bedarf auch die Berufsschulen zusammengebracht werden, um gemeinsam Lösungen zu entwickeln.

Jedoch weist der BDV darauf hin, dass für den Erfolg solcher Maßnahmen eine kritische Masse an interessierten Betrieben notwendig ist. Dass es grundsätzlich nie zu spät sei, Azubis einzustellen, macht Heiko Weiß vom BK Lübbecke deutlich: „Wir nehmen auch im laufenden Schuljahr noch Auszubildende auf, falls die Betriebe unterjährig einen Auszubildenden einstellen möchten.“